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Heinrich Pachl – die Stimme, die noch gebraucht würde!

7. Mai 2012 | Von | Kategorie: General, Köln-Leute-Prominenz, Kölner Allerlei

Man braucht sie, diese Stimmen, die auf humorige Weise bisweilen Schreckliches, Paradoxes, Widersinniges in Worte kleiden, die vielleicht mehr als jede Zeitung, jedes TV-Magazin, jedes Online-Nachrichtenportal entlarven, was entlarvt werden muss, was in Worten von Politikern und Wirtschaftsexperten oftmals so vernünftig klingt, ohne vernünftig zu sein. Man hat die Stimme von Heinrich Pachl gebraucht in diesem Land. Und seit Heinrich Pachl tot ist, ist der Chor dieser kritisch humorigen Stimmen schwächer geworden. Und es wurde leiser in Deutschland. Das ist nicht gut. Das ist fast schon ein bisschen gefährlich.

Von Nordrach nach Nippes

Pachl kam aus dem Schwarzwald nach Köln und erklärte Nippes zu seinem Revier. Sein Geburtsort Nordrach im westlichen Schwarzwald war mit seinen knapp 2.000 Einwohnern vielleicht doch etwas zu klein, um für ihn als Bühne zu taugen? Pachl war Kabarettist. Für diejenigen, die nur Comedians kennen (nichts gegen Comedians): Kabarettisten sind Comedians mit Politik! Wer glaubt, Politik und Humor würden sich gegenseitig ausschließen. Dem ist nicht so. Kabarettisten beweisen so etwas. Sie können mir glauben. Heimrich Pachl hat es bewiesen. Bekannt wurde er in den 70ern mit dem Kabarett-Duo „Der wahre Anton“. Er trat fortan mit anderen Kabarettisten (Sie wissen schon: Comedians mit Politik) wie Richard Rogler und Matthias Beltz auf, später zumeist alleine. Manchmal sprach er ganz schön schnell und erklärte mal eben so, quasi nebenbei, warum so viele Dinge, die man uns über Politik und Wirtschaft erzählt, ganz schön daneben sind. Also eigentlich völliger Quatsch! Das machte er dann so, dass man fast zwangsläufig lachen musste, obwohl manches irgendwie ganz schön traurig war, was Pachl da so auf die Schippe nahm.

Ein Fast-Allrounder-Kreativer

Eigentlich war Heinrich Pachl gar kein Kabarettist, also jedenfalls nicht nur. Er war mehr so ein Fast-Allround-Kreativer, ein Filmemacher, Schauspieler, Mitbegründer des Pantheon Theaters in Bonn, Regisseur, Autor. Er war ein Einmischer, ein Kein-Blatt-vor-den-Mund-Nehmer, ein selbsternannter „anerkannter Spezialist für vertrauensstörende Maßnahmen“ und ja, auch wenn es eigenartig klingt: Er war ein… politischer Mensch. Das ist nichts Böses. Manchmal etwas unbequem vielleicht, aber nichts Böses! Wirklich. Auch abseits der Bühne war Heinrich Pachl so ein politischer Mensch. Seinen Freund Günter Wallraff unterstützte er beispielsweise bei dessen Buch „Ganz unten“. Später half er ihm nochmals bei verdeckten Recherchen: Dieses Mal in einer Brotfabrik, in der Wallraff als Arbeiter verdeckt recherchierte und eigentlich einen Monat lang pausieren sollte. Pachl gab daraufhin vor, ein Beamter aus Brüssel zu sein. Und er versicherte glaubhaft, der verdeckt recherchierende Wallraff werde durch ein EU-Programm namens „50plus – erst fordern, dann fördern“ unterstützt. Wallraff durfte daraufhin bleiben und konnte weiter recherchieren. Noch mehr Beweise für Heinrich Pachl als politischen Menschen? Pachl war beispielsweise Gründungsmitglied des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre und regelmäßig Redner zum Tag der Arbeit in Köln. Seine Stimme hörte man oft. Und es war gut, sie zu hören.

Viele nahmen Abschied

Heinrich Pachl starb am 21. April in Köln. Rund zehn Jahre dauerte sein Kampf gegen den Krebs, dem er manch ein Jahr abtrotzte, gegen den er aber letztlich doch verlor. Nach seinem Tod gab es einen Abschieds-Gottesdienst… in Nippes. Wo sonst? Der Gottesdienst fand am ersten Mai 2012 statt. Wann sonst? Kein Tag passte wohl besser zum Gedenken an diesen Mann. Neben Pachls Witwe Li Daerr, mit der er über vierzig Jahre zusammen, aber erst seit 2006 verheiratet war, waren unter anderem Alexandra Kassen vom Senftöpfchen-Theater, Gerhard Haag vom Theater am Bauturm, die Bürgermeisterinnen Angela Spizig und Elfi Scho-Antwerpes sowie weitere Kölner Prominente anwesend. Insgesamt 500 Leute. Köln hat einen seiner vielleicht kritischsten Einwohner verloren. Deutschland eine von jenen Stimmen, die man vielleicht gerade heute so dringend braucht.

„Der kleine Mann auf der Straße und die kleine Frau an der Theke sitzen im Pisspott und träumen vom Jackpott. Vom Arbeitsamt total beschissen lässt man sich von der Wohlfahrt küssen. Depression und Aggression im Biotop als Waschbeton. Vom allerletzten Weihnachtsgeld wird bei Neckermann die Welt bestellt, und von Jacobs das Aroma weckt die Oma aus dem Koma… Das kann es doch nicht gewesen sein.“  (Quelle: Heinrich Pachl)

Nein. Wenn wir Heinrich Pachl in Erinnerung halten, wenn wir auf andere kritische Stimmen hören, die ihm vielleicht folgen, dann soll es das wirklich nicht gewesen sein. Nicht heute und nicht morgen.

Links

Heinrich Pachl auf Wikipedia

Nachruf des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre

Website von Heinrich Pachl

Bericht des Kölner Stadtanzeigers über den Abschieds-Gottesdienst für Heinrich Pachl

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