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Griechenland – die Krise wäre auch eine Chance, wenn…

18. Februar 2012 | Von | Kategorie: General

Ein persönlicher und nicht objektiver Artikel

Um es vorweg zu sagen: Ich bin kein Finanzspezialist und auch kein Wirtschaftsfachmann. Ich kann nicht kompetent beurteilen, ob die jetzigen Sparmaßnahmen, zu denen Griechenland gezwungen wird, dem griechischen Staat tatsächlich helfen, seine finanziellen Probleme zu lösen, oder ob sie stattdessen vielleicht dafür sorgen, das Land tot zu sparen, seine Binnenwirtschaft in den Boden zu stampfen. Ich habe nur die sicherlich nicht oder nur bedingt mit der heutigen griechischen Krise vergleichbare und vielleicht doch erwähnenswerte Argentinienkrise aus den Jahren 1998 bis etwa 2002 im Kopf, als das Land sich abgewendet hat vom Internationalen Währungsfonds (IWF) und vielleicht gerade dadurch wieder einen Aufwärtstrend verzeichnen konnte? Wie gesagt, ich bin kein Wirtschaftsexperte, ich weiß es nicht, aber das Gefühl ist da, dass Wirtschaftsfachleute sich auch in ihrem Fachgebiet bisweilen komplett verrennen und Probleme verschärfen statt sie zu lösen.

Europa hilft: Aber wie?

Europa hilft! Das klingt gut. Europa hilft Griechenland, vielleicht hilft Europa später auch Portugal. Das klingt nach Solidargemeinschaft, klingt, als käme Europa nun doch irgendwie in den Herzen der Europäer an. Aber hilft Europa den Griechen: denjenigen, die ihre Arbeit verlieren, mit noch weniger Geld als zuvor auskommen müssen, die an Suppenküchen anstehen? Das klingt wie die berühmte Moralkeule, ich weiß. Ich habe solche Bilder nicht live gesehen, muss gestehen, ich bin nicht nur kein Wirtschaftsfachmann, sondern auch weder vor Ort in Griechenland noch in direktem Kontakt mit Griechen vor Ort. Ich lese nur so einiges. Und wenn die Situation vieler Griechen auch nur halbwegs so ist, wie sie etwa die Rheinische Post in ihrer Ausgabe vom sechsten Februar geschildert hat, dann läuft etwas verkehrt mit der Hilfe, weil zumindest ein bisschen Hilfe (ich persönlich denke: ein bisschen mehr) auch dazu beitragen sollte, dass nicht eine große Zahl von Griechen im Elend versinkt.

Ein wirklicher Blick auf die Dinge

Vielleicht sollte ich mein bisschen Geld zusammenkratzen und einmal nach Griechenland fahren, um mir selbst ein Bild zu machen? Und ja, vielleicht sollte etwa Herr Schäuble dasselbe tun, vielleicht Frau Merkel und Herr Sarkozy. Ich rede hier nicht von einem Aufenthalt in einem 5-Sterne-Hotel, die es in Athen noch immer geben wird. Ich rede nicht von Konferenzsälen. Man sollte auf die Straße gehen, in die Häuser, wenn man überhaupt noch hineingelassen wird, man sollte schauen: Wie geht es den Menschen wirklich, deren Probleme etwas völlig Abstraktes sind, bevor man sie im persönlichen Gespräch kennen lernt. Ich bin noch immer kein Wirtschaftsfachmann, kann nicht beurteilen, wie stark Einschränkungen jeden Griechen betreffen müssen, damit es Griechenland irgendwann besser geht. Aber ich weigere mich zu glauben, dass Rettung und Hilfe so organisiert werden müssen, dass viele Griechen sie mit Verelendung bezahlen (wenn dem so ist). Man sollte es sich ansehen, ob es so ist, bevor man über Griechenlands Schicksal entscheidet.

Die Hilfe für den Handelspartner und die Märkte?!

Europa hilft. Aber ich ganz persönlich habe das Gefühl, dass Europa dem Handelspartner Griechenland dabei helfen möchte, wieder halbwegs auf die Beine zu kommen, um weiter Handelspartner zu bleiben, um Finanzmärkte zu beruhigen, vielleicht auch, um sich durch Aufrüstung um die derzeit ach so wichtige Verteidigung zu kümmern und Geld in Kassen von Konzernen zu spülen, die passende Produkte anbieten. Die meisten Griechen bleiben Statisten. Irgendwann, wenn es allen wieder gut geht, wird es auch ihnen wieder ein bisschen besser gehen. Aber ganz ehrlich: Wenn Europas Hilfe die Straßen Griechenlands nicht erreicht, kann ich persönlich sie nicht wirklich ernst nehmen. Und ich glaube, viele Griechen können sie ebenfalls nicht ernst nehmen. Bitte korrigiert mich, wenn das so nicht stimmt. Vielleicht hätte diese Krise der Wiege der Demokratie auch eine Chance sein können, wenn Europas Hilfe auf die Griechen ebenso zielen würde wie auf den Schuldner und Handelspartner? Wenn man nicht diejenigen bluten lassen würde, die vielleicht am wenigsten für die ganze Krise können?

Was scheren uns die Griechen?

„Was scheren uns die Griechen? Sie sind doch selbst schuld am Elend, das sie jetzt trifft! Jetzt müssen sie es ausbaden“ Denken Sie so? Ich denke nicht so. Es gab einmal Zeiten, da bekam Deutschland Care-Pakete, genau das Deutschland, das einst unter der Führung Hitlers Europa ins Chaos gestürzt hat. Vielleicht war auch diese Hilfe nicht selbstlos, aber sie war vielleicht weiser als das, was Europa heute als Hilfe zustande bringt. Sie hat Westdeutschland vielleicht viel enger an den Westen angebunden als die schönsten Worte und Versprechen. „Care-Pakete“ – Ich gehöre einer Generation an, die sie nicht mehr erlebte und dennoch sind sie als Begriff geläufig. Das war Hilfe. Das kam auch ganz unten an. Das erreichte den Magen. Und die Herzen. Solch eine Hilfe für Griechenland heute wäre vielleicht eine Chance, Europa als etwa anders in griechischen Köpfen zu verankern als nur ein abstraktes Gebilde, das vielleicht irgendwie sein muss.

Von Stolz und Demut

Und die Deutschen? Müssen wir immer für alles zahlen? Wir Deutsche sollten stolz sein auf unser Land und ja, auch auf Leistung und Wirtschaftsleistung. Wir sollten den Stolz auf dieses Land nicht den Ewig-Gestrigen überlassen, die ihn mit so unerträglichem Leben füllen. Aber neben Stolz ist auch für Demut Platz. Deutschland hat Hilfe bekommen, andere Hilfe als die Griechen heute. Etwas Demut könnte für Stolz ohne Hochmut sorgen. Griechenland wird seinen Anteil Schuld an der heutigen Misere haben. Ich bin immer noch kein Wirtschaftsfachmann, aber auch das glaube ich. Wie groß dieser Anteil ist, sollen die Experten diskutieren. Aber sollte man nicht das Gestern zumindest jetzt einen Moment lang vergessen, sich dem Heute zuwenden und schauen, wie man wirklich (!) helfen kann? Letztlich täte es auch Deutschland gut, davon bin ich fest überzeugt. Ein Europa, das irgendwann auch in den Herzen ankommt, wäre auch für Deutschland die Chance, als Teil einer starken und nicht alleine auf dem Papier und in Wirtschaftsforen existierenden Gemeinschaft die eigene Zukunft zu sichern. Daran glaube ich.

Anmerkung: Dieser Artikel fasst meine Gedanken zur aktuellen Krise in Griechenland und zur europäischen Hilfe zusammen, weil es mir ein Anliegen war, diese Gedanken einmal zu äußern. Ich erwarte nicht 10.000 Leser, nicht einmal 1.000. Vielleicht sind es nur zehn. Es klingt vielleicht blöd, aber ich hatte einfach das Gefühl, ich müsse all das einmal aufschreiben. Dieser Artikel ist das Ergebnis dieses Gefühls. Nicht mehr. Nicht weniger. Ich glaube nicht, die einzig richtige Wahrheit aufgeschrieben zu haben, glaube auch nicht, dass definitiv keine andere Meinung als meine richtig sein kann.

Ansgar Sadeghi

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