Medien, Waterboarding und die vierte Gewalt
12. Juli 2010 | Von colognereportadmin | Kategorie: Ansichten, Tipps und das wilde Leben, GeneralMan kann wahrscheinlich so lange darüber streiten, ob Waterboarding Folter ist oder nicht, bis man die Auswirkung von Waterboarding selbst erlebt hat. Das mag sich auch der US-amerikanische Journalist Christopher Hitchens gedacht haben, als er sich entschied, die Folgen von Waterboarding am eigenen Leib zu testen. Der Test wird ihm in Erinnerung bleiben. Waterboarding war zumindest in den USA zur Zeit der Bush-Ära ein legitimiertes Verhörinstrument und zu jener Zeit auch für renommierte US-amerikanische Medien – so eine Studie - plötzlich keine Folter mehr. Das wirft nicht unbedingt ein gutes Bild auf die vierte Gewalt im Staat.
Die Autoren der Studie stammen aus der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). Sie untersuchten die vier großen US-amerikanischen Zeitungen Los Angeles Times, New York Times, Wallstreet Journal und USA Today in Bezug auf Artikel zum Thema Waterboarding. Die Ausgangsfrage drehte sich darum, ob Waterboarding in den Artikeln als Folter bezeichnet wurde oder nicht.
Was ist Waterboarding?
Beim Waterboarding wird Menschen ein Tuch über Mund und Nase gelegt, das mehr oder weniger stetig mit Wasser begossen wird. Für den Gefolterten entsteht so ein Gefühl, als würde er ertrinken. Nachgewiesen wurde diese Foltermethode, die keine erkennbaren Spuren hinterlässt, bereits für die spanische Inquisition. Angewendet wurde sie beispielsweise auch im US-amerikanischen Gefangenenlager Guantanamo.
Plötzlich war Waterboarding keine Folter mehr!
Die Ergebnisse der Harvard-Studie sind auffällig: So soll etwa die New York Times Waterboarding zwischen 1930 und 1999 in 81 Prozent aller Artikel zum Thema als Folter bezeichnet haben. Im Zeitraum zwischen 2000 und 2008 soll der Prozentsatz auf 1,4 Prozent gesunken sein, obwohl die Zeitung alleine im Zeitraum 2007 und 2008 über 150 Artikel zum Thema veröffentlicht habe. In Verbindung wird das mit dem von George W. Bush erklärten Krieg gegen den Terror gebracht, in dessen Verlauf auch Waterboarding als Verhörmethode eingesetzt wurde.
Das lässt zumindest den Verdacht aufkommen, dass die vier untersuchten Medien sich an der offiziellen Version der damaligen US-Regierung orientiert haben, Waterboarding sei im Kampf gegen den Terrorismus ein legitimes Mittel.
Das wiederum lässt zumindest starke Zweifel aufkommen, ob die untersuchten US-amerikanischen Medien ihrer Rolle als Vierter Gewalt im Staat in jener Zeit gerecht wurden. Natürlich kann es — sehr theoretisch betrachtet — sein, dass viele Redakteure von sich aus einen plötzlichen Gesinnungswechsel verspürt haben und Waterboarding aus eigenem Willen plötzlich als legitime US-amerikanische Verhörmethode angesehen haben. Es wäre aus meiner Sicht schlimm genug und scheint sehr unwahrscheinlich zu sein. Als noch schlimmer würde ich eine Anpassung an die Regierungsinterpretationen von Waterboarding empfinden, ohne dass dem ein intensiver eigener Prozess des Nachdenkens vorausgegangen wäre. Es würde nicht mehr und nicht weniger als eine Presse bedeuten, die als kritisches Auge auf Aktivitäten der Regierung nichts (aber auch gar nichts) mehr taugt. Enden möchten wir diesen Artikel allerdings nicht, ohne auf (laut Studie) Ausnahmen in der US-amerikanischen Berichterstattung hinzuweisen. Dazu soll dieser Artikel aus der New York Times (allerdings aus dem Jahr 2009!) dienen.
Was dieser Artikel NICHT aussagt!
Dieser Artikel sagt nicht aus, dass US-Amerikaner, US-Medien und US-Regierungen durchweg schlecht sind.
Dieser Artikel sagt nicht aus, dass Waterboarding eine ausschließlich von den USA angewendete Methode der Folter ist. Sie wurde AUCH von den USA benutzt. Besonders problematisch ist dabei allerdings, dass die USA die Folter offiziell zur „Verteidigung der Demokratie und demokratischer Werte“ angewendet hat. Kann man solche Werte verteidigen, indem man sie verletzt?
Dieser Artikel sagt nicht aus, dass demokratische Staaten kein Recht haben, sich gegen Terrorismus zu wehren. Er prangert nur Methoden an, die die Demokratie dabei mit Füßen treten.
Waterboarding – Selbstversuch des Journalisten Christopher Hitchens
Weiterführende Links
Weiterführende Links
Spiegel-Bericht über Waterboarding in den USA
Anti-Waterboarding – Video von Amnesty International auf Spiegel Online
Guardian-Artikel über Waterboarding
Autor dieses Artikels ist der Texter und Onlinejournalist Ansgar Sadeghi
Ansgar Sadeghi – Profil auf Colognelife.de
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