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CologneLife – Text nach Interview: Artist Orlando (09.04-2010)

13. April 2010 | Von colognereportadmin | Kategorie: Was gibt es Neues?

Erlebter Schmerz kann destruktiv wirken, Depressionen nähren und einem den Tod zum Freund machen. Bei einigen Menschen wird er zur Quelle von Kreativität, verwandelt sich in etwas Positives, speist den Aufbau mehr als den Untergang. Der Künstler, ehemalige Performer, Musiker und Poet „Artist Orlando“ aus Köln kennt beide Varianten. Mit siebzehn sprang er von der Autobahnbrücke, um zu sterben. Erfahrungen als Straßenkind in Bogota (Kolumbien), der Verlust der eigenen Eltern: All das wirft man nicht weg wie ein altes Taschentuch. Die tiefen Depressionen sind mittlerweile Vergangenheit: Geblieben ist ein Mensch, der sich selbst als melancholisch bezeichnet und der doch auf andere oftmals aufbauend und sehr positiv wirkt. Ein Widerspruch? Nicht unbedingt!

Artist Orlando begann frühzeitig, die Malerei zu entdecken. Später kamen Performance, Musik und Poesie dazu. Mit all dem, was er tut, erzählt er Geschichten, die dem eigenen Leben entstammen und stetig neu verpackt sind. Vielleicht macht dieser Mensch keine Kunst: Er lebt und erlebt sie? Das ist seine Philosophie. Das und die Fähigkeit, zuzuhören, die Geschichten anderer Menschen kennen zu lernen. Arroganz ist ihm fremd, die Freiheit zu handeln schon viel eher seins. Er hat sie nie aufgegeben. Auch 1994 nicht, als der Besitzer einer Essener Galerie mit seiner Frau zu ihm kam. Im Koffer der beiden lagen damals 60.000 Deutsche Mark. „Das Geld gehört dir“, hatte der Galerist gesagt, „aber deine Gedanken fortan mir“. Aus Sicht von Orlando war es ein sehr angenehmes Gespräch mit zwei ausgesprochen sympathischen Menschen. Das Geld lehnte er dennoch ab und er sah die beiden nie wieder. Diese Freiheit, die Orlando sich nahm, vermochte zu beeindrucken: etwa jenen etablierten Künstler und Zahnarzt, den er erstmals besuchte und der zu so etwas wie seinem Mentoren wurde. „Wir wollen alle so sein wie du“, sagte er. „Du machst einfach.“ Das bedeutete wohl soviel wie: „Du lässt dir deine Freiheit nicht nehmen“.

Frühe Kindheit in Bogota

Er machte einfach und er macht bis heute, ohne seine Gedanken kaufen zu lassen. Dabei hätte man durchaus verstehen können, wenn Artist Orlando sich damals anders entschieden hätte. Dass er in jüngsten Kindestagen eine Phase bitterer Armut durchlebt hat, ist wohl deutlich untertrieben. Von seiner Familie getrennt, erlebte der Kolumbianer indianischer Abstammung ab einem Alter von drei Jahren insgesamt etwa drei Monate lang das Leben eines Straßenkindes in Bogota.

Bisweilen liest man als Mitteleuropäer, was es heißt, dort als Straßenkind zu leben. Das reicht aber wohl nicht aus, um es sich komplett vorzustellen.

Artist Orlando spricht von einer Zweitgesellschaft abseits der offiziellen kolumbianischen Gesellschaft, wenn er über die Straßenkinder in Bogota redet. Er spricht von Kindern, an die kaum jemand mehr herankommt, von 10.000 Kindern, die bereits 1972 auf den Straßen von Bogota gelebt haben, von Kindern, die in der Kanalisation hausen und die bisweilen Geld bekommen, um andere Straßenkinder zu erschießen. Artist Orlando selbst kam aus dieser Hölle heraus und über ein Kinderheim schließlich zu Adoptiveltern in Köln. Seine Welt verwandelte sich. Die Adoptiveltern waren gut situiert und boten ihm materielle Sicherheit. Die Erinnerungen an die Zeit davor aber blieben. Artist Orlando hat Kolumbien bisher nicht mehr betreten.

Wege zur Kunst…

Den Weg zur Kunst fand er wohl im Kinderheim, wo er erstmals seine Leidenschaft für die Farben entdeckte. Seinen eigenen Stil fand er nach eigenen Worten bereits mit 15. Als er seinen Adoptiveltern schließlich offenbarte, als Künstler leben zu wollen, erntete er Skepsis: „Ohne unser Geld schaffst du es nicht“. Manchmal beflügeln solche Worte, weil man beweisen möchte, dass es doch geht. Manchmal ziehen sie einen tief runter und zwingen zur Aufgabe. Auf Orlando hatten sie nach eigenen Worten keine Wirkung: keine positive, keine negative. Eine Weile lang führte er ein Doppelleben: teils als Künstler, teils in eher normalen Jobs, doch der Künstler gewann die Oberhand. Zugleich entdeckte Artist Orlando das Nachtleben und führte fortan ein Leben mit zwei ganz unterschiedlichen Bereichen: die Nacht hatte ihr eigenes Gesicht; der Tag ebenso. Berührungspunkte gab es kaum.

… und ins Leben der Nacht

Ursprünglich der Punkszene nahe, entführte ihn eine damalige Freundin irgendwann in den Alten Wartesaal in Köln. Und wieder war es eine neue Welt, die Orlando entdeckte: Das kraftvoll Destruktive des Punks blieb außen vor, wenngleich es für Orlando nicht den radikalen Bruch mit diesem Musikstil bedeutete. Der Alte Wartesaal: Für Orlando eine Welt lachender und freundlicher Menschen, eine Atmosphäre voller positiver Stimmung, in die er sich hineinwarf, ausgelassen tanzend. Die Türsteherin des Clubs, Freundin jenes bereits erwähnten Zahnarztes und Künstlers, entdeckte ihn: Orlando wurde Performer und ein Paradiesvogel der Kölner Szene. Einer, der bisweilen an Lampen hochkletterte, der auf der Tanzfläche Gedichte schrieb und der bisweilen mit Irokesenschnitt, umgehängten fünfzehn Kilogramm schweren Ketten sowie nacktem Oberkörper im Supermarkt einkaufte. Später arbeitete er als Barkeeper und drückte auch diesem Job einen ganz eigenen Entertaining-Stil auf.

Vor allem aber war er jemand, der bei all dem Schillern und all dem Glanz authentisch wirkte.

Er war jemand, der auch einmal vor 1.500 Leuten weinte, weil er sich danach fühlte, der zum Geburtstag eines Freundes im Kölner Gloria mitten in einer Party die Musik stoppen ließ, um eine Fabel vorzulesen und anschließend zu gehen. Überraschungen präsentierte Orlando immer wieder, ohne dass es bei ihm aufgesetzt wirkte.

Begegnungen

Niemals auf andere herabsehen! Auch das gehört zu seinen Prizipien. Er selbst hat viel Lebenserfahrung im Lauf der Zeit gesammelt: Extreme Armut gehörte ebenso zu seinem Leben wie der Reichtum seiner Adoptiveltern. Doch eine große Lebenserfahrung mag wertvoll sein, aus seiner Sicht macht sie Menschen nicht besser als andere. Er schätzt die Begegnung und setzt sich auch hier keine Grenzen. So erinnert er sich an drei, vier Begegnungen mit einem Neonazi, bei dem Mensch auf Mensch traf, obwohl ideologisch gemauerte Gegensätze irgendwie dennoch unüberbrückbar blieben. Am Ende gaben sich beide Gesprächspartner feierlich die Hand. „Schön, dich kennen gelernt zu haben, das Gespräch mit dir war toll“, lauteten die Abschiedsworte, „aber komm nie nach Ostdeutschland, denn dort muss ich dich umbringen“. Artist Orlando ist trotz dieser Abschiedsworte bis heute von den damaligen Gesprächen beeindruckt.

Abschied und Anfang

Am sechsten März 2010 erklärte Artist Orlando seinen Abschied aus der Kölner Nachtszene. Es stieg eine letzte Party, tags drauf kam seine  Erklärung, keinen Club mehr betreten zu wollen. Diese Nachricht kam überraschend für alle, die ihn kennen; wie so vieles, was Artist Orlando macht. Sein Abschied war wohl auch eine Art Tribut an ein exzessives Leben in der Partyszene, in dem auch Drogen mitunter ihre Rolle spielten. Abschied bedeutet jedoch nicht den Rückzug in die Inaktivität. Unter anderem soll nun ein Bungalow in einer Halle entsteht, bei dem Einblick übers Internet gewährt wird. Artist Orlando möchte zeitweise in ihm wohnen, arbeiten, tanzen. Zwei DJs, so plant er, sollen alleine für ihn spielen. Es wird wohl noch einiges mehr geben, was man von Artist Orlando in Zukunft sieht. Wie sagt man: Ein Abschied ist auch immer ein Anfang.

Mehr zu Artist Orlando? Lesen Sie auch den Artitel “Artist Orlando Köln — ein Künstler mitten drin, statt obenauf” und schauen Sie sich das Video “Sie” von Artist Orlando an.

Robert Babicz Sonderbeat Gold 2010 Alter Wartesaal Sonderbar Stuckbar Köln from Artist Orlando on Vimeo.

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