Erinnerung an ein Projekt — Edelweiß-Piratenlieder und die Moderne
11. Dezember 2009 | Von colognereportadmin | Kategorie: Was gibt es Neues?„Es war in Schanghai“ war ein Projekt, bei dem moderne Musiker in Köln Lieder der Edelweißpiraten aus der NS-Zeit aufnehmen und in die heutige Zeit transportieren. Es war die aktive, kreative Art einer Auseinandersetzung mit einer Zeit, in der auch die „falsche“ Musik und Widerstand gegen nationalsozialistische Gleichmacherei Anlass zur Verfolgung gab. Und es war die genutzte Chance, den Geist der Unbeugsamkeit, der einst mit diesen Lieder verbunden war, auch für Jugendliche von heute erfahrbar zu machen.
Nicht alle Edelweißpiraten waren Im aktiven Widerstand gegen die Nationalsozialisten, aber es waren einige. Der Name wurde zunächst von Nationalsozialisten für Jugendliche genutzt, die sich der Vereinnahmung durch die Hitlerjugend widersetzten. Später adaptierten die Gruppen den Namen und gingen dann als Edelweißpiraten in die Geschichte ein. Wurzeln dieser informellen Gruppen lagen in der so genannten Bündischen Jugend (aus der Pfadfinder/Wandervögel-Bewegung entstanden), in Jugendgruppen der Naturfreunde und der Rotfrontkämpfer. Sie galten allein deshalb bereits als suspekt, weil sie sich ins Gefüge nationalsozialistischer Gleichschaltung nicht einfügen ließen. „Bündische Umtriebe“ hieß ein Tatbestand, der Vorgehen gegen solche Gruppen erlaubte.
Edelweißpiraten im Widerstand
Später formierte sich aktiver Widerstand gegen den Nationalsozialismus beispielsweise in der Kölner Edelweißgruppe rund um Gertrude Koch. Köln entwickelte sich zu einem Zentrum der Aktivitäten. Insgesamt 3.000 Namen von Edelweiß-Aktivisten in Köln sollen in den gesammelten Akten der Gestapo stehen. Widerstand manifestierte sich beispielsweise in einer Flugblattaktion aus dem Jahr 1942 und wurde mit härteren Repressalien beantwortet. Das heutige EL DE Haus in Köln war Standort des Terrors gegen verschiedenste Bevölkerungsgruppen: auch gegen die Edelweißpiraten Kölns. Manch einer überlebte seinen Widerstand nicht. So wurden am zehnten November 2009 insgesamt dreizehn Mitglieder der so genannten Ehrenfelder Gruppe um Hans Steinbrück öffentlich in Köln Ehrenfeld hingerichtet.
Alte Lieder und die Moderne
Sie mögen heute erst einmal altbacken klingen, die Zeilen der Lieder, die Edelweißpiraten damals gesungen haben. Wer (be-)greifbar machen möchte, dass sie damals ein Teil von Widerstand waren, auch dafür standen, sich nicht beugen lassen zu wollen, wird sie übersetzen müssen. Genau das bewirkte das Projekt „Es war in Schanghai“. Es entstand im Zusammenhang mit der Ausstellung »Von Navajos und Edelweißpiraten – Unangepasstes Jugendverhalten in Köln 1933 bis 1945«, die bis zum 25. Februar 2005 in Köln gezeigt wurde. Entstanden sind bisher achtzehn Lieder aus den alten Songtexten. Interpreten sind Akteure und Gruppen der Kölner Musikszene, die vielfach noch eher unbekannt sind. Aber der Bekannheitsgrad ist ja nicht zwangsläufig ein Indiz für gute Musik sowie mangelnde Bekanntheit nicht zwangsläufig für einen Mangel an Qualität spricht. Zu den bekanntesten Interpreten gehört die Microphone Mafia (feat. Shana). Die 18 Songs können bis heute im Internet angehört werden und zwar genau… hier! Das Projekt wird auf der Internetseite nach wie vor als offen beschrieben:
„Jede Musikerin, jeder Musiker, jede Band und überhaupt jede und jeder, die/der glaubt, mit einer interessanten Neuinterpretation alten Liedguts zum weiteren Gelingen beitragen zu können, ist eingeladen, ein Lied ihrer/seiner Wahl zu interpretieren.“
Vielleicht gibt’s also eine Fortsetzung. Freuen würde sich ClifeCologne.
(Der Mensch ist die Stadt!)
Erinnerung an die Hinrichtungen der Edelweißpiraten in Köln Ehrenfeld



