Ein Original der Moderne: Hermann Götting
29. Juli 2009 | Von colognereportadmin | Kategorie: Was gibt es Neues?Das Bild einer Stadt mag vor allem durch ihre Bauwerke entstehen, das Herz der Stadt durch ihre Bürger, allen voran durch diejenigen, die man gemeinhin Originale nennt. Manche sagen, diese Leute, diese Originale, seien ein bisschen lala, also quasi verrückt. Andere bewundern die Freiheit, die sich diese Menschen herausnehmen, so zu leben, wie sie halt leben möchten. Köln ist schon irgendwie eine jecke Stadt. Vielleicht passen Originale hier noch besser hin als in irgendeine andere Stadt Deutschlands? Fleuten Arnöldche war so ein Original oder der Lehrer Welsch. Ihnen wollen wir uns hier nicht widmen, sondern einem Original jüngerer Zeit… Hermann Götting.
Wer war Hermann Götting?
Kam er die Straße entlang spaziert, in seinen weiten Gewändern, sich mit einem Fächer Luft zufächernd oder seine Hunde wie die Lieblingstiere eines Maharadschas an der Leine führend, dann dachte manch einer wohl tatsächlich: Da hat sich einer aus der Delegation eines orientalischen Königs in Köln verlaufen oder gar… der König selbst? König war Hermann Götting allerdings nicht. Er war Sammler und zwar ein ausgesprochen passionierter. Moderne Sammler sind jene Leute, die irgendwie noch immer den Urtrieb der Nomaden in sich verspüren, der Jäger und Sammler, die jagten und sammelten, was sie zum Leben brauchten, um zu überleben. Moderne Sammler werden… wenn die Sache negativ verläuft, zum Messie, geht dagegen alles gut, werden sie zu Bewahrern von Kultur und mitunter… zu kölschen Originalen.
Mehr als 100.000 Sammlerstücke
Hermann Götting sammelte keine alten Meistergemälde, keine Briefmarken oder Münzen. Er sammelte Alltag, den Alltag aus den Jahren 1920 bis etwa 1980 und vor allem aus den 50er Jahren, Alltag, der sich in Gegenständen manifestierte, und seine Sammlung war riesig: Waschmaschinen, Waschbottiche, Musiktruhen, Gardinenstangen, Tapetenrollen, Schulranzen, Zigarettenautomaten, Filmplakate, Lachgasgeräte, Zahnarztbohrer, Tretroller, Kinderwagen, Schreibtische, Briefwaagen, Aktenordner sind nur ganz wenige Beispiele aus der Sammlung. Plunder mag das der eine nennen und wieder den Vergleich mit dem Messie bemühen; der andere sieht in dieser Sammlung ein Stück Zeitgeschichte, das Hermann Götting auf Ausstellungen in vielen Städten zeigen ließ. Diejenigen, die Teile seiner Sammlung nach dem Tod Göttings im Jahr 2004 ordneten, schätzen die Anzahl der Exponate auf mehr als 100.000. Etwa 1500 dieser Objekte befinden sich heute im Museum für angewandte Kunst in Gera. Die übrigen gehören mittlerweile zu einem Fundus, aus dem sich Theater und Film für Produktionen bedienen können. Köln hat 2004 mit Hermann Götting ein Original verloren, nicht aber die Erinnerung an ihn und — Gott sei Dank — auch große Teile seines Lebenswerks nicht.



